ver.di Bildungsstätte
"Das Bunte Haus" Bielefeld-Sennestadt

Senner Hellweg 461
33689 Bielefeld
Tel. 05205/9100-0
Fax 05205/9100-30
 

Geschichte

Geschichte des "Bunten Hauses" *
Vom "Reichsferienheim" zum ver.di – Bildungszentrum

Das "Bunte Haus" in Bielefeld – Sennestadt kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken, in der sich bedeutsame Teile der deutschen Gewerkschaftshistorie spiegeln. Ausgangspunkt dieser Hausgeschichte ist das Jahr 1925. Am 19. September diesen Jahres wurde das Richtfest des als "Reichsferienheim" des Zentralverbandes der Angestellten (ZdA) geplanten Baus gefeiert. Beim ZdA handelte es sich seinerzeit um die mitgliederstärkste freigewerkschaftliche Angestelltenorganisation unter dem Dach des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), der Vorläuferorganisation unseres heutigen DGB.
Der ZdA errichtete das Haus in der Heidelandschaft des Teutoburger Waldes vor allem mit Blick auf die Erholungsbedürfnisse der eigenen Verbandsjugend. Hierzu heißt es in einem Hausprospekt aus dem Jahr 1926: "Wir denken dabei nicht nur an diejenigen Kollegen und Kolleginnen, die Mitglieder einer Jugendgruppe sind, sondern an alle, die jung sind oder sich jung fühlen und Freude an einem völlig zwanglosen Zusammensein gleichgesinnter Menschen haben". Neben den Urlaubsaufenthalten wurden aber auch schon damals Lehrgänge des Zentralverbandes sowie Veranstaltungen befreundeter Organisationen wie der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend oder der Kinderfreunde im "Bunten Haus" durchgeführt.

Warum "Buntes Haus"?
Die Namensgebung des "Bunten Hauses" rührt den Quellen nach aus seiner unmittelbaren Entstehungszeit. Wegen des Anstrichs des Fassade und auch insbesondere wegen der farbenfrohen Gestaltung seiner Innenräume, deren Decken und Wände ganz unterschiedlich gestrichen waren, erhielt das Haus diesen Namen.

ver.di – Geschichte: "Geburtsstätte der Gewerkschaft HBV"
In der Diskussion um die Organisationsstruktur der DGB – Einzelgewerkschaften und um das Verhältnis zur Deutschen Angestellten – Gewerkschaft, mit der man sich seinerzeit nicht auf das Industrieverbandsprinzip ("Ein Betrieb – eine Gewerkschaft!") verständigen konnte, beschloß der Beirat des DGB auf seiner Sitzung am 20./ 21 Juli 1948 im "Bunten Haus" die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen zu errichten und sie anstelle der DAG in den DGB aufzunehmen. Das "Bunte Haus" kann insofern als Geburtsstätte der Gewerkschaft HBV gelten. Mit dem gemeinsamen Aufgehen von DAG und HBV in die Gewerkschaft ver.di gehört diese Trennung der Geschichte an.
Ab dem 2. Mai 1933 war dann an Erholung und Bildung im Geiste der freiheitlichen Arbeiterbewegung nicht mehr zu denken. Das "Bunte Haus" wurde – wie alle anderen gewerkschaftlichen Einrichtungen auch - von der SA besetzt und fortan für die Zwecke des diktatorischen NS – Regimes mißbraucht. Bis zur Niederwerfung der NS – Herrschaft 1945 wurde das Haus von verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen genutzt, so u.a. von der an die Stelle der freien Gewerkschaften getretenen Deutschen Arbeitsfront (DAF) und dem Bund Deutscher Mädel. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges diente die Einrichtung der Wehrmacht.

Der Neubeginn nach dem Kriegsende stand zunächst ganz im Zeichen ungeklärter Rechtsfragen und Eigentumsverhältnisse. Gleichwohl diente das "Bunte Haus" ab 1946 wieder seiner ursprünglichen Bestimmung als gewerkschaftlicher Tagungs – und Schulungsstätte. Erst zum 1.Juni 1949 ging das "Bunte Haus" dann auch formal in das Eigentum des neugegründeten DGB als dem Rechtsnachfolger des ADGB über, der das Haus zu einer Einrichtung der gewerkschaftlichen Jugendbildung machte. Die Trägerschaft durch den DGB markiert allerdings nur ein kurzes Intermezzo in der langen Geschichte des Hauses, denn bereits 1952 erwarb die Gewerkschaft ÖTV das "Bunte Haus" und führte dort im Schwerpunkt Maßnahmen der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung durch.
Die Gewerkschaft ÖTV führte auch den Abbruch des alten "Bunten Hauses" 1989 und die Errichtung eines neuen, modernen Gebäudes im Jahr 1990 durch. Um zu verdeutlichen, daß auch der Neubau an die Tradition anknüpfen soll, die mit dem alten Gebäude verbunden ist, wurde der Name "Das Bunte Haus" beibehalten.

Mit dem Zusammenschluß der Gewerkschaft ÖTV, der Deutschen Postgewerkschaft, der IG Medien, der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen und der Deutschen Angestellten – Gewerkschaft zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft im Jahr 2001 wurde das "Bunte Haus" zu einer der Zentralen Bildungszentren der Gewerkschaft ver.di. Im September 2015 konnte dieses ver.di – Bildungszentrum auf eine 90jährige Geschichte zurückblicken, die als gewerkschaftliches "Reichsferienheim" begann.

Hans Böckler auf der "Pritsche"
Auch der mittlerweile legendäre erste DGB – Vorsitzende Hans Böckler hat sich mehrfach im "Bunten Haus" aufgehalten. In einem Schriftwechsel zwischen Ludwig Rosenberg und Werner Hansen, der zugleich einen stimmungsvollen Eindruck von den schwierigen Bedingungen der Arbeit im "Bunten Haus" unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vermittelt, wird Hans Böckler erwähnt: "Alles hat dort nicht geklappt. Kein Mensch wusste, dass der Organisationsausschuss und die Frauentagung und der wirtschaftspol. Ausschuss tagen würden. Das Haus war überfüllt, wegen der Frauentagung, und es mussten provisorisch einige Kollegen ausquartiert werden. (...). Z. B. erzählte mir Hans Jahn (...), dass Böckler auf einer 'Pritsche' geschlafen hat".
* Die Ausführungen stützen sich auf die Broschüre "Ein Ort gewerkschaftlicher Bildung - 75 Jahre Buntes Haus" (Hrsg.: Gewerkschaft ÖTV, Bezirk NW II, Bochum 2000). Die Quellenangaben für die beiden verwendeten Zitate finden sich dort.

Redaktion: Dirk Manten, Bildungsreferent



Quelle: www.verdi-das-bunte-haus.de
Druckdatum: 16.12.2017